Selig sind die Sanftmütigen
"Glücklich sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Land erben."
Es gibt eine Eigenschaft, die das Reich Gottes in der Welt sichtbar macht wie kaum eine andere. Nicht Lautstärke. Nicht Überzeugungskraft. Nicht Charisma.
Sanftmut.
Das klingt zuerst nach Schwäche. Nach jemandem, der sich alles gefallen lässt. Aber Jesus meint etwas ganz anderes.
Kraft - aber unter Kontrolle
Das griechische Wort praus - das wir mit "sanftmütig" übersetzen - wurde ursprünglich für gezähmte Wildtiere verwendet. Ein Pferd, das von Natur aus kraftvoll ist, aber gelernt hat, diese Kraft zu lenken.
Sanftmut bedeutet also nicht: keine Kraft haben. Sondern: Kraft haben und trotzdem zurückhalten. Macht besitzen - und sie nicht einsetzen, um sich durchzusetzen.
Das ist etwas völlig anderes als Schwäche.
Zuerst sich selbst sehen
Wer sanftmütig ist, hat verstanden: Ich bin selbst bedürftig. Ich brauche Gnade. Ich brauche Barmherzigkeit.
Aus dieser Erkenntnis heraus - und nur aus ihr - kann dann etwas Echtes entstehen. Wer weiß, dass er selbst Gnade empfangen hat, kann Gnade weitergeben. Auch gegenüber denen, die einem gerade nicht freundlich begegnen.
Kein Charakterzug - sondern ein Weg
Mose gilt im Alten Testament als der sanftmütigste Mensch seiner Zeit. Aber er war nicht so geboren. Als junger Mann war er jähzornig. Er hat sogar getötet.
Sanftmut ist keine Frage des Temperaments. Es ist die Richtung, in die sich ein Leben entwickelt.
Jesus selbst sagt von sich: "Ich bin sanftmütig und von Herzen demütig." Die ganze Menschwerdung ist eine Reise zur Kleinheit. Ein König - auf einem Esel. Das ist kein Versehen. Das ist ein Statement.
Erben statt Erobern
Die Verheißung dieser Seligpreisung lautet: Die Sanftmütigen werden das Erdreich besitzen.
Interessanterweise heißt es nicht: Sie werden es erkämpfen. Erben bedeutet: Es wird einem geschenkt. Das setzt voraus, dass man dem Geber vertraut - und nicht versucht, es sich selbst zu sichern.
Das läuft der Logik unserer Zeit direkt entgegen. Erfolg wird oft mit Härte, Durchsetzungsvermögen und der Fähigkeit verbunden, zurückzuschlagen. Sanftmut gilt dann schnell als Rezept zum Scheitern.
Jesus sieht das anders.
Was das mit dem Reich Gottes zu tun hat
Als Nachfolger von Jesus sollten wir die sanftmütigsten, bescheidensten und freundlichsten Menschen sein - in unserer Straße, in unserem Büro, in unserer Familie.
Nicht weil wir besser sind. Sondern weil wir wissen, dass wir genauso bedürftig sind wie alle anderen.
Quellen: AJ Swoboda & Nijay K. Gupta, "Slow Theology" Podcast, Seligpreisungen-Serie (Matthäus 5,5)

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